25 March 2026, 08:30

Wie eine Berliner Künstlerin die vergessene Kunst des Meddah neu erfindet

Gruppe von Menschen auf einer Bühne mit einem Banner, auf dem 'Berlin as Fuck' steht, mit Lautsprechern, Mikrofonen und einer feiernden Menge unten.

Wie eine Berliner Künstlerin die vergessene Kunst des Meddah neu erfindet

Eine jahrhundertealte osmanische Tradition erlebt im Berliner Stadtteil Kreuzberg eine Renaissance. Neslihan Arol, eine Künstlerin mit Ausbildung in Naturwissenschaften und Theater, bringt im gemütlichen Bavul Café die fast vergessene Kunst des Meddah zurück – eine Ein-Personen-Erzählform, die sie mit Humor, Politik und Mehrsprachigkeit füllt und dabei die männlich geprägte Geschichte des Genres herausfordert.

Der Meddah hat seine Wurzeln in den Kaffeehäusern des Osmanischen Reichs des 16. Jahrhunderts, wo Geschichtenerzähler das Publikum mit Witz, Imitationen und moralischen Lehren unterhielten. Inspiriert von persischen mündlichen Überlieferungen, diente die Kunstform dazu, Volksmärchen weiterzugeben, unter Zensur gesellschaftliche Missstände zu kritisieren und Tugenden wie Gerechtigkeit zu vermitteln. Traditionell von Männern ausgeführt, fesselten die Erzähler ihr Publikum mit lebendigen Geschichten in öffentlichen Räumen.

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Arols Weg zum Meddah war alles andere als geradlinig. Zunächst studierte sie Chemieingenieurwesen, wechselte dann aber zur Schauspielerei und zur Erforschung feministischen Performancetheaters. 2014 zog sie nach Berlin, um ein achtjähriges Promotionsprojekt über Komödie, Clowns und den Meddah zu beginnen. Ihr Vater hatte sie einst vom Schauspiel abhalten wollen, doch sie blieb hartnäckig – angezogen von Rollen, in denen Frauen komisch sein durften, was im klassischen Theater selten vorkommt.

Auf der Bühne deutet Arol den Meddah aus weiblicher Perspektive um und bricht damit bewusst mit der Tradition. Ihre Auftritte sind mehrsprachig, verweben Deutsch, Türkisch und Englisch zu politischen und humorvollen Geschichten. Neben ihr steht eine kleine Teelichtkerze – Symbol für die Menschlichkeit der Erzählenden. Früher nutzte sie eine alte Gaslampe, bis ein Beinahe-Unfall sie zum Wechsel auf die sicherere Flamme bewog. Am Ende jeder Vorstellung bläst sie die Kerze aus – ein stilles Zeichen, dass das Erzählen beendet ist.

Mit ihren Auftritten im Bavul Café hält Arol die Kunst des Meddah am Leben und formt sie für ein modernes Publikum um. Ihre Arbeit verbindet osmanisches Erbe mit feministischen und mehrsprachigen Ansätzen und schafft so eine frische Interpretation einer uralten Tradition. Das Flackern und Erlöschen der Kerze markiert dabei sowohl ein Ende als auch die Fortsetzung dieser Kunstform.

Quelle