Klage gegen Stuttgart: Absage eines umstrittenen Nahost-Vortrags entfacht Debatte über Meinungsfreiheit
Ekkehard ScheelKlage gegen Stuttgart: Absage eines umstrittenen Nahost-Vortrags entfacht Debatte über Meinungsfreiheit
Das Bündnis für einen gerechten Frieden im Nahen Osten Stuttgart hat gegen die Stadt Stuttgart Klage eingereicht. Die Gruppe fordert Schadensersatz, nachdem die Behörden einen geplanten Vortrag des Ökonomen Shir Hever nur wenige Tage vor der Veranstaltung absagten. Die Stornierung stand im Zusammenhang mit Hevers Verbindungen zu einer umstrittenen Organisation und hat die Debatte über die Meinungsfreiheit in Deutschland neu entfacht.
Der Streit begann, als die Stadt kurzfristig den Mietvertrag für den Veranstaltungsort Holbornsches Haus kündigte. Bei der geplanten Veranstaltung sollte Hever, ein Kritiker der israelischen Besatzung und Unterstützer der BDS-Bewegung, sprechen. Sein Vortrag mit dem Titel "Israel am Ende? Nach zwei Jahren Krieg im Gazastreifen ist das Land wirtschaftlich, demografisch und moralisch isoliert" sollte die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts beleuchten.
Die Stadtbegründung für die Absage verwies auf Hevers Zugehörigkeit zu Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden im Nahen Osten Heidelberg, einer Gruppe, die vom deutschen Verfassungsschutz als "gesichert extremistisch" eingestuft wird. Das Bündnis wirft der Stadt vor, damit ein Muster fortzusetzen: Demnach dürften in Stuttgart nur jüdische Redner auftreten, die auf Kritik an der israelischen Regierung verzichten.
Mit der Klage werden 412,93 Euro Schadensersatz gefordert – darunter Hevers Reisekosten und Honorar sowie Zinsen. Das Bündnis erinnert zudem an frühere Kontroversen, etwa um den Göttinger Friedenspreis 2019, der an Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden im Nahen Osten Essen vergeben werden sollte, aber wegen politischer Auseinandersetzungen nicht im Audimax der Universität überreicht werden konnte.
Der Fall verdeutlicht die anhaltenden Spannungen um Meinungsfreiheit und politische Einstufungen in Deutschland. Bisher gibt es keine dokumentierte öffentliche Stellungnahme der Bundesregierung oder des Innenministeriums zu den Vorwürfen des Bündnisses. Das Urteil wird zeigen, ob die Stadt für die finanziellen Verluste durch die abgesagte Veranstaltung aufkommen muss.
