Keine Verkehrsverlagerung ohne Enteignung
Ein neues Buch skizziert einen radikalen Plan zur Umwandlung von Volkswagen in einen demokratischen, umweltfreundlichen Verkehrsmittelhersteller. Unter dem Titel „Nehmen wir unser Leben wieder selbst in die Hand: Eine Einladung zum Kampf für ein gutes Leben für alle“ wurde es von der feministischen Theoretikerin Silvia Federici, der Ökofeministin Ariel Salleh sowie zwei Aktivistinnen verfasst – einer langjährigen VW-Mitarbeiterin und einer Expertin für Verkehrswende. Die Veröffentlichung folgt auf jahrelange Kampagnen der Initiative „VW bedeutet Verkehrswende“, die den Autokonzern dazu drängte, von der Pkw-Produktion auf Busse und Straßenbahnen umzusteigen.
Die Initiative entstand in Wolfsburg, dem Hauptsitz von Volkswagen, wo sich Aktivist:innen und Beschäftigte zusammenschlossen, um die Abhängigkeit vom Auto infrage zu stellen. Sie organisierten Demonstrationen, Straßenfeste und offene Gespräche mit VW-Mitarbeiter:innen. Ihr Ziel war klar: Die Fabriken des Konzerns sollten für den Bau öffentlicher Verkehrsmittel statt privater Fahrzeuge umgenutzt werden.
Das Buch verknüpft diesen Kampf mit weiteren historischen und politischen Themen. Es beleuchtet die nationalsozialistischen Wurzeln Volkswagens, darunter die Rolle Ferdinand Porsches als SS-Offizier, und zieht Parallelen zum heutigen Widerstand gegen rechtsextreme Politik. Die Autor:innen argumentieren, dass eine echte sozial-ökologische Wende demokratische Kontrolle über die Produktion erfordert – eine „Vergesellschaftung“, wie sie es nennen –, um sich von der Macht von Konzernen und Staat zu befreien. Im Kern hinterfragt der Text die Rolle der Lohnarbeit bei der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft. Die Zusammenarbeit zwischen Autobeschäftigten und Verkehrswende-Aktivist:innen wird als Beweis präsentiert, dass Veränderung möglich ist. Die Autor:innen betonen: Ohne eine Demokratisierung von VW bleibe jede ökologische Verkehrswende unerreichbar.
Das Buch dient sowohl als Dokument vergangener Proteste als auch als Aufruf zu weiterem Handeln. Es schlägt vor, dass nur durch die Übertragung der Produktionsmittel in die Hände von Beschäftigten und Gemeinschaften Volkswagen – und die gesamte Verkehrsbranche – das autozentrierte Modell überwinden kann. Wie es mit der Kampagne weitergeht, bleibt ungewiss, doch an den Forderungen lässt das Buch keinen Zweifel: eine Hinwendung zum öffentlichen Verkehr, gegründet auf demokratischen Prinzipien.
